Siegert & Cie

Die Unternehmensführungen von Siegert & Cie:

  • 1777 – 1817   Johann Gottfried Siegert
  • 1811 – 1840   Christian Gotthilf Siegert
  • 1840 – 1852   Sophie Maria Siegert
  • 1852 – 1889   Ferdinand Siegert
  • 1852 – 1895   Heinrich Siegert
  • 1881 – 1926   August Siegert
  • 1889 – 1926   Rudolf Siegert
  • 1926 – 1944   Dr. Paul Siegert
  • 1926 – 1950   Ferdinand Siegert

1770 | Migration

Der Aufbruch findet im Frühjahr statt: Johann Gottfried Siegert und sein Bruder Christoph Friedrich lassen ihre Heimat im Erzgebirge hinter sich und wandern Richtung Neuwied. Beide sind Seifensieder von Beruf. In dem gutgehenden väterlichen Betrieb in Lößnitz haben sie ihr Handwerk erlernt. Die Folgen des Siebenjährigen Krieges jedoch haben Handel und Gewerbe in Sachsen weit zurückgeworfen. Die Wirtschaft erholt sich nur langsam. Siegert & Siegert beschließen, neues Terrain zu erobern. Ihr Ziel ist Neuwied.

Goldmünze 1751 von Johann Friedrich Alexander zu Wied mit Pfauenwappen:











Der aufgeklärte Fürst

Warum Neuwied? Die noch junge Stadt am Rhein ist bekannt für Gewerbe- und Religionsfreiheit. Neuwied bietet ein Klima, in dem Unternehmen gute institutionelle Rahmenbedingungen vorfinden. Zu verdanken sind sie einem aufgeklärten und toleranten Fürsten: Johann Friedrich Alexander zu Wied-Neuwied. Er unterstützt die Ansiedlung von Fabriken und Manufakturen und engagiert sich für eine tolerante Religionspolitik. Hier können Unternehmer gut wirtschaften, ganz gleich, woher sie kommen und woran sie glauben.


Doppeltes Glück

Es fügt sich alles gut für Johann Gottfried und Christoph Friedrich. Sie finden nicht nur eine Beschäftigung bei dem renommierten Seifensieder Johann Adam Metzger, sondern dieser hat auch „zwei liebliche Töchter“ (lt. Unternehmens-Chronik). Philippine Henriette und Eleonore Margarete sind den Brüdern jeweils wohlgesonnen. Nach der Meisterprüfung im Jahr 1777 wird eingeheiratet.

1777 | Gründerjahre und Doppelhochzeit

Der Tag der Hochzeit, der 15. Juli, ist gleichzeitig ein wichtiger Tag für die Unternehmensnachfolge: Johann Adam Metzger übergibt die Firma an Johann Gottfried Siegert. Dieser kann auf einem guten Fundament aufsetzen: Er übernimmt ein florierendes Unternehmen und entwickelt es erfolgreich weiter. Christoph Friedrich gründet ein eigenes Unternehmen.












Unternehmerischer Alltag

Die Herstellung von Seifen geht zu dieser Zeit einher mit der Kerzenproduktion, auch „Lichtermacherzunft“ genannt: der Rohstoff beider Produkte ist Talg, erste Bezugsquelle sind die Metzgereien. Die Lieferanten der Firma Johann Gottfried Siegert kommen vor allem aus Neuwied und dem Westerwald, später bezog man auch Talg aus Russland. Das Tagesgeschäft gestaltet sich nicht immer einfach: Schwankungen bei Qualität und Preisen machen den Einkauf herausfordernd, im Absatz sind verzögerte Zahlungseingänge an der Tagesordnung. Trotzdem laufen die Geschäfte gut. Der Umsatz steigt, das Unternehmen expandiert. Transportiert werden die Waren größtenteils per Schiff und Fuhrwerk.


Erfolg in schweren Zeiten

Selbst schwierige äußere Bedingungen können den unternehmerischen Erfolg nicht aufhalten. Sorgen macht indes die große Eisflut von 1784, auch die Folgen der französischen Revolution müssen bewältigt werden. 1795 toben Kämpfe der französischen Revolutionsarmee in der Stadt, es folgt die französische Besatzung, Handwerk und Gewerbe liegen fast gänzlich brach. Die Verkehrssperrungen werden die Handelswege noch jahrelang behindern.

1817 | Nachfolge geregelt

1811 tritt Christian Gotthilf Siegert mit ins Geschäft ein, der Sohn von Johann Gottfried. Nachdem der Vater 40 Jahre lang das Geschäft geleitet hat, setzt er sich 1817 zur Ruhe. Die Firma heißt nun Johann Gottfried Siegert & Sohn.


F & E und weitere französische Evolutionen

Christian Gotthilf Siegert geht die Dinge klug an. Er ist offen für technischen Fortschritt, der bislang in der handwerklich geprägten Seifensiederzunft keine große Rolle gespielt hat. Industrialisierung und technischer Fortschritt ändern das – und ein französischer Chemiker namens Michel Eugène Chevreuil: Er gilt als Begründer der Fettchemie. Angetrieben durch seine Forschung ändert sich der Prozess der Seifenherstellung. Talg wird durch andere Rohstoffe ersetzt, zum Beispiel durch Pflanzenöle- und fette. Zudem neigt sich auch die Ära der Holzasche ihrem Ende zu, sie ist durch die große Nachfrage sehr teuer geworden.

1827 | Firmen-Jubiläum und goldene Hochzeit

Im Kreis der Familie kann Johann Gottfried Siegert sowohl das 50jährige Jubiläum sowie seine zu dieser Zeit seltene Goldene Hochzeit feiern. Er stiftet zu diesem Anlass seinen vier Enkeln den Silbernen Familienbecher. Drei dieser Familienbecher befinden sich noch im Besitz der Familie; einen besonders schönen Familienbecher besitzt Frau Heidi Berninghaus, Tochter von Hermann Siegert und Ur-Enkelin von Ferdinand Siegert.













Wachsende Kundenansprüche

„Das braune Fett wollen Sie uns lieber nicht schicken, man sieht jetzt so sehr auf weiße Seife, und die Kunden verlangen eine Genauigkeit, der fast nicht nachzukommen ist.“ (17. August 1826). Christian Gotthilf Siegert führt das Unternehmen sehr erfolgreich weiter. Er kauft Liegenschaften in der Nachbarschaft, erweitert den Betrieb und gewährt zudem noch Darlehen. Er treibt die Entwicklung des „munteren Seifensieders“ vom Handwerk zur industriellen Fertigung voran (s. das Lied von Friedrich von Hagedorn „Johann der Seifensieder“). Leider stirbt er 1840 sehr früh mit 49 Jahren.
Seine Söhne Ferdinand und Heinrich, zu dem Zeitpunkt 15 und 18 Jahre alt, sind noch zu jung, um das Unternehmen weiterzuführen. Deshalb übernimmt seine tatkräftige Frau Sophie Maria Siegert, Tochter des Bürgermeisters Reinhardt, das Geschäft. Denn der älteste Sohn, August Siegert, befindet sich seit 1835 in der Ausbildung bei Professor Schadow an der Düsseldorfer Kunstakademie und schließt seine akademische Ausbildung 1840 ab. Er ist der einzige Siegert mit einem künstlerischen Gen. Sein Sohn Adolf Siegert wird wiederum Kaufmann, jedoch nicht bei Siegert & Cie. in Neuwied, sondern bei de Haen-Carstanjen & Söhne in Düsseldorf.

1840 | Starke Frau in Führungsposition

Ab 1840 führt Sophie Maria Siegert das Geschäft 12 Jahre lang – mit hervorragendem Ergebnis. „Umsicht und Geschick“ (Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum, S. 15) zeichnen ihre Führungsqualitäten aus. Ihre Söhne Ferdinand und Heinrich treten 1852 in das Unternehmen ein und können es „in bestem Zustand und voller Blüte“ (ebd.) übernehmen. Als gute Steuerzahler werden die Mitglieder der Familie zum jeweiligen Jahresempfang des Fürsten zu Wied eingeladen.












Ferdinand und die Stearinfabrik

Vor allem Ferdinand ist es, der das Unternehmen entscheidend weiterentwickelt. Mit Innovationsgeist und Weitblick erkennt er, welche Richtung er einschlagen muss, um erfolgreich und gewinnbringend zu wachsen. Sein Lebenswerk ist die Stearinfabrik. Der Rohstoff Stearin kommt Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Markt und trägt zum weiteren Aufschwung der Firma bei.










1873 | Fortschritte, Rückschritte, Fortschritte

Innovationen dürfen auch mal scheitern. So geschehen beim Bau der ersten Destillationsanlage im Jahr 1864. Sie wird schnell wieder außer Betrieb genommen. Der erste Autoklav dagegen, der 1873 installiert wurde, ermöglicht eine Qualitätsverbesserung des Stearins. Zudem produziert man jetzt auch mit Glycerin.


Was macht Heinrich? : die Family-Soap

Heinrich Siegert widmet sich vor allem der Seifenfabrik. Die Eschweger Seife hat die reine Talgseife abgelöst und wird unter dem Namen Neuwieder Kernseife bekannt. Sie besteht vor allem aus Talg, Palmöl und Kokosöl. Ende der 70er Jahre fokussiert man sich im Familienunternehmen auf die Fabrikation von weißen und hellgelben Kernseifen. Auch die Laugen verändern sich: Die Substitution des Sodaverfahrens durch Solvay steigert die Qualität, gleichzeitig kommt Olein auf den Markt, der Grundstoff für Schmierseife.


„Customer Centric“ & Quality Management

Der Erfolg der Firma Johann Gottfried Siegert & Sohn gründet sich unter anderem auf eine loyale, stetig wachsende Stammkundschaft. Die Produkte sind weithin bekannt für ihre Qualität. Das Familienunternehmen ruht sich nicht auf diesem Erfolg aus, sondern sucht ihn beständig auszuweiten, unter anderem durch innovative technische Verfahren. Es werden neue Autoklaven angeschafft, ein eigenes Labor treibt die Produktentwicklung voran.










1895 | Expansion in Heddesdorf

Nach dem Tod von Ferdinand (1889) und Heinrich Siegert (1899) übernehmen deren Söhne August und Rudolf Siegert die Geschicke der Firma. August war bereits seit 1881 in der Firma, Rudolf seit 1889. Unter ihrer Ägide expandiert das Unternehmen weiter. Im Stadtteil Heddesdorf, wo sie nach und nach geeignete Grundstücke erworben hatten, bauen sie eine neue Stearinfabrik. 1895 nimmt sie den Betrieb auf, ausgestattet mit modernsten Produktionsanlagen.


Kennzeichen: fortschrittlich

Bezeichnend für die unterschiedlichen Generationen der Unternehmerfamilie ist es, dass jede es versteht, Verantwortung für das Ererbte zu übernehmen und es weitblickend weiterzuführen. Wer die Geschäfte führt, hat keine Angst vor Neuland. Misserfolge sind kein Hindernis für weitere Innovationen. Beispielhaft dafür ist die Stearinfabrik. Mit ihr gehen neue Autoklaven, Kalt- und Warmpressen sowie eine hochmoderne Destillationsanlage in Betrieb. Auch eine eigene F&E-Abteilung fehlt nicht: Der Chemiker Dr. Ludwig Schmidt leitet das Labor, in dem Analysen und Versuche die Produktentwicklung voranbringen.

1900 | Umzug in ein neues Jahrhundert

Parallel zum Neubau der Stearinfabrik erhalten auch Kerzen- und Seifenfabrik eine neue Bleibe, hinzukommen moderne Büros. 1900 dann ist das neue Firmenareal komplett, die alten Fabrikgrundstücke werden nach und nach verkauft. August Siegert ist der Fachmann für die technische Weiterentwicklung, Rudolf widmet sich den kaufmännischen Themen.













Kunden- und Markenpflege mit Pfau: Erstes Branding

Joh. Gottfr. Siegert & Sohn hat viele zufriedenen Kunden. Und dank der Strategie, diese guten Beziehungen persönlich zu pflegen und auszuweiten, werden es immer mehr. „Siegerts Seifen“ und „Siegerts Kerzen“ sind Markenzeichen geworden, Synonyme für Qualität. Werbespruch und Familientitel: Siegert´s nicht-tropfende Wachskerzen.

Stearin verkauft das Unternehmen auch an Betriebe, die Kerzen und Leder produzieren. Siegerts Olein, bekannt unter der Marke „Pfau-Olein“, findet Absatz in der Textil- und Reinigungsmittelindustrie. Die Übernahme des „Pfau-Symbols“ ist eine Referenz an das Fürstenhaus zu Wied, dem die Familie ihre Aufstiegschancen verdankt. Die gelb-schwarzen Streifen im „Familienwappen“ stellen den Bezug zur sächsischen Heimat her.













Zäsuren: 1914-18

Mitten hinein in diese erfolgreiche Unternehmensentwicklung platzt der Krieg. Er schwächt Belegschaft und Produktion und kappt für eine Zeit die Kundenbeziehungen. Aus einer freien Wirtschaft wird eine fremdbestimmte: Mitarbeiter werden eingezogen, der Reichsausschuss für Öle und Fette kontrolliert die Stearinfabrik, auch die Seifenfabrik wird von außen dirigiert. Die Firma muss mit zugewiesenen Rohstoffen produzieren und die fertigen Produkte an die staatlichen Stellen abliefern. Schwierige Zeiten für die nächste Generation: Denn kurz vor Beginn des Krieges war Ferdinand Siegert, der Sohn von August, in die Firma eingetreten, stand aber „während des Krieges im Felde“.


Erste Priorität: Substanz erhalten

Die Herausforderungen hören nicht mit Ende des Krieges auf. Rohstoffe sind trotz beendeter feindlicher Blockaden immer noch knapp. Produktionserhöhung: Fehlanzeige. In erster Linie geht es um Substanzerhaltung. Die Währung ist im Keller: Fette und Öle werden mit Edelvaluta bezahlt, für die fertigen Produkte erhält man dagegen wertloses Papiergeld. Katastrophal auch die Auswirkungen der Ruhrbesetzung im Jahr 1923: Kunden, die dort ansässig sind, kann das Unternehmen vorerst nicht bedienen. Dies übernehmen konkurrierende Unternehmen, die innerhalb der Zollschranken ansässig sind, in der Nähe der Kunden. Hinzu kommen die gekappten Verkehrswege: Bahnen fahren kaum noch, der Transport der Produkte erfolgt per Schiff, allerdings nur für die Kunden, die am Rhein wohnen.













AG und Lichtblicke

Bis 1924 dauert dieser Zustand an, erst dann werden die Zollschranken aufgehoben. Langsam geht es wieder aufwärts: Die Währung wird stabiler, der Verkehr kommt allmählich in Fluss – und damit auch die alten Kundenbeziehungen. Die Firma ist eine Aktiengesellschaft geworden: Am 24. Mai 1922 übernehmen August und Rudolf Siegert jeweils die Hälfte der Aktien und bilden gemeinsam mit Ferdinand Siegert den Vorstand. 1925 wird das Aktienkapital erhöht und komplett von der Familie übernommen. 1926 treten August und Rudolf Siegert aus dem Vorstand aus und in den Aufsichtsrat ein. Neu in den Vorstand kommt Dr. Paul Siegert, der Sohn Rudolfs.

1927 | 150 Jahre – auf die Zukunft

150 Jahre nach der Gründung blickt das Unternehmen auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Eine ausführliche Festschrift dokumentiert den Erfolg der Firma von 1777 – 1927, ebenso wie die jüngste Generationsfolge auf Ferdinand und Paul Siegert. Die Neuwieder Zeitung berichtet von einem Glückwunschschreiben des Reichspräsidenten von Hindenburg und schreibt:

„Ob in Zeiten glückgesegneten Arbeitens oder in den Wellentälern wirtschaftlichen Niedergangs: Die Besitzer sind nicht übermütig geworden im Glück und nicht kleinmütig in Zeiten der Not; was sie durch Fleiß, zähe Tatkraft und Unternehmungslust erworben haben, das haben sie stets zu behaupten und zu vergrößern verstanden“.


Klare Grundsätze haben die Firma auch durch schwere Zeiten getragen: vernünftiges, rationelles Wirtschaften, Fleiß und Engagement, und ein hoher Anspruch an Qualität auch dann, wenn widrige äußere Umstände zum Nachlassen hätten verführen können. In jeder Situation wurde das Bestmögliche gemacht – dieser Weitblick zahlte sich aus.

„Nicht Jagd nach dem Geld, sondern Freude an der Arbeit und Freude an der Verantwortung, die erfolgbringenden Eigenschaften des wirklichen Fabrikanten, leiteten die Firma; der Rhythmus der Arbeit beseelte Inhaber, Angestellte und Arbeiter zum Segen der Firma, zum Segen des Einzelnen!“ (Festschrift 1927)












1929 sterben die Gründer-Urenkel August und Rudolf Siegert.

Henkel steigt ein

Bis in die 1930er Jahre bleibt die Firma ausschließlich in Familienbesitz. 1931 wird ein zweites Unternehmen gegründet: die Siegert & Cie. GmbH. In dieser Zeit übernimmt Henkel „durch freundliche Familienbeziehungen“ erste Geschäftsanteile.












Einem Familien-on-dit zu Folge ist die Familie Siegert mit dieser Beteiligung nicht vollständig glücklich, da man der Ansicht ist, in der Vergangenheit die Firma Henkel ohne Kapitalabsichten aus einer Liquiditätsklemme befreit zu haben. Wie Nachforschungen bei Henkel & Cie. ergaben rühmen sich derartiger Rettungstaten in der Pionierzeit von Henkel allerdings zurecht auch andere Firmen. Bei Henkel existiert eine andere Erinnerung: Fritz Henkel spielte in seiner Rengsdorfer Jagdhütte gern Skat, u. a. mit Ferdinand Siegert, dem er wiederholt aus „klammen Situationen“ half. Als Fritz Henkel beim dritten Vorschuss fragte, wie hoch die Summe denn jetzt insgesamt sei, habe Ferdinand Siegert geantwortet: „so ungefähr mein Grundkapital“.

Im November 1935 wird eine Bilanzkorrektur notwendig, „da die seit Jahren stillliegende Seifenfabrik wohl kaum wieder in Betrieb genommen werde“. Außerdem müssen die Grundstücke neu bewertet werden.


Wieder Krieg: 1939-45

Resilienz ist weiterhin gefordert. Der zweite Weltkrieg allerdings verursacht im Unternehmen „nur geringe Schäden“: „Wenn die Qualitätsfabrikate der Firma Siegert & Cie. ihren weithin anerkannten Ruf durch schwerste Zeiten erhalten konnte, so deshalb, weil sich hier eine Gemeinschaft zusammenfand, die die Sache des Betriebes zu ihrer eigenen machte.“ (Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum, 1952). Joh. Gottfr. Siegert & Sohn AG – nicht nur ein Familienunternehmen, sondern ein Unternehmen als Familie. Ferdinand Siegert bleibt bis zu seinem Tod 1950 Geschäftsführer. Er ist das letzte aktive Familienmitglied im Unternehmen. 1951 übernimmt Henkel dann alle Anteile der Siegert & Cie. GmbH und produziert weiterhin Stearin und Olein. Kerzen wurden zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr hergestellt, Seifen nur noch eingeschränkt.

Die Erfahrungen aus Neuwied in der Fettproduktion kommen Henkel beim Aufbau des Fettsäuregeschäfts zugute. Die Produktion von „Olio di oliva dal Rheno” erweist sich allerdings als nicht nachhaltig.












1952: 175 Jahre Siegert & Cie. : Organische Entwicklung

Die Festschrift 1952 berichtet von Stearin und Olein und „dem aromatischen Reich der Seifen“, von einem Unternehmen „das bestrebt ist seine Tore dem Fortschritt weit offen zu halten“, aber auch von sozialer Verpflichtung und Verantwortung, denn nach dem Krieg stellt man die Fabrikation befreundeten Firmen zur Verfügung. Der Unterstützungsverein Siegert“ sichert den Mitarbeitern Fürsorge, wenn diese gebraucht wird, bei Krankheit, Invalidität oder Unfällen. Alle Mitarbeiter erhalten eine dem Geschäftserfolg angepasste Weihnachtsgratifikation bis zur Höhe eines vollen Monatsgehalts. Die Firma hilft Mitarbeitern auch mit zinslosen Darlehen, wenn Bedarf besteht. Gute Arbeitsbedingungen sind selbstverständlich – ein Zeichen für respektvolle Haltung und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern: „Dies geschieht aus der Erkenntnis heraus, dass ein derartiges Werk nur in der Harmonie gedeiht.“.












In den 60er Jahren beginnt Henkel, Hilfsmittel für die Leder- und Textilherstellung zu produzieren. Dabei spielt Siegert & Cie. GmbH eine wichtige Rolle: Neuwied entwickelt sich zu einem Standort für die Herstellung organischer Produkte, bei Henkel wird der Standort dem Bereich CP (Chemische Produkte) zugeordnet. Das Werk in Neuwied produziert neben Stearin und Olein auch Fettsäuren in fester und flüssiger Form. Der Absatz der Leder- und Textilhilfsmittel boomt, entsprechend breit ist die Produktpalette bei Siegert & Cie. Henkel verarbeitet mehr als 300 verschiedene Rohstoffe, das Werk in Neuwied produziert mit insgesamt 51 Mitarbeitern rund 24.000 Tonnen im Jahr.













200 Jahr-Feier: 100jährige Mutter gratuliert 200jähriger Tochter

1977 würdigt eine Presseerklärung der 100 Jahre alten Mutter-Gesellschaft Henkel & Cie. die Geschichte der 200jährigen Tochter Siegert & Cie. Die Stadt Neuwied schenkt zum 200jährigen Firmenjubiläum einen Zinnteller mit Firmen-Logo. Die Presse berichtet von Doppelhochzeit und der Bedeutung einer Firma, die zwei Drittel der Stadt- und Wirtschaftsgeschichte von Neuwied geprägt hat.













Erfolgsgeschichte, (vor-)letztes Kapitel

Ende 1995 schließt Henkel das Werk in Neuwied. In der Presseerklärung heißt es: „Die Schließung der Betriebsstätte Siegert & Cie. ist Teil eines optimierten Standortkonzeptes im Chemiebereich von Henkel.“ Zu dieser Zeit produziert das Werk noch 30.000 Tonnen Rohstoffe pro Jahr. Die 55 Mitarbeiter erhalten sozialverträgliche Regelungen bzw. das Angebot, bei Henkel in Düsseldorf zu arbeiten. Das Firmen-Archiv wird nach Düsseldorf verladen, ist aber trotz liebenswürdiger Unterstützung nicht mehr auffindbar. Das Firmen-Gelände wird in Gewerbeeinheiten zerstückelt. Einzig die ursprünglich von der Bevölkerung heftig bekämpfte Moschee auf dem ehemaligen Firmengelände macht einen tadellosen Eindruck.

2007 erinnert die Rheinzeitung an Doppelhochzeit1 und 230jährige Firmengeschichte.


Zurück in die Familie 2004-2017

2004 erwirbt Theo Siegert, der Ur4-Enkel der Gründer, die Stammfirma Siegert & Cie. von Henkel zurück und beteiligt mit seinen Kindern die achte Generation an der Firma. Im Jahr 2017 lautet die Adresse von Siegert & Cie. GmbH nach einer 240jährigen Geschichte: Königsallee 24, 40212 Düsseldorf.













1Dass die Doppelhochzeit gar keine Doppelhochzeit war, hat Hans Jürgen Wild aus den Kirchenbüchern Neuwieds herausgefunden. Christoph Friedrich Siegert heiratete erst 1783. Für diese und viele andere Recherchen und Hinweise sei Hans Jürgen Wild an dieser Stelle sehr herzlich gedankt. Ebenso gebührt Dank Fritz Benzenberg, Heidi Berninghaus, Reinold M. Fries, den Damen Kottermair sowie Paul F. Siegert für hilfreiche Hinweise bzw. Dokumente.

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